• Martin Rauter

US-Obdachlose sind durch ihre Lebensumstände dem COVID-19 mit höherer Wahrscheinlichkeit ausgesetzt


Es braucht in den USA keine COVID-19-Pandemie, damit obdachlose Menschen – im Jänner 2019 waren es 567.715 Einzelpersonen (vgl. Henry et al. 2020, 8) – gesundheitlich schlechter gestellt sind als DurchschnittsamerikanerInnen. Schon in einem Coronavirus-freien Jahr ist die Gesamtmortalität bei Obdachlosen fünf- bis zehnmal höher als in der allgemeinen Bevölkerung. (vgl. Baggett et al. 2013, 5) Durch das Virus könnte sich das verstärken. Viele Obdachlose leiden an chronisch psychischen und physischen Erkrankungen. (vgl. Tsai et al. 2019, 1703) Eine Erklärung dafür: Obdachlose Menschen haben weniger Zugang zur Gesundheitsversorgung. (vgl. Hwang et al. 2010, 1460) Außerdem macht es die geografische Mobilität obdachloser Personen (vgl. Gray et al. 2011, 75) schwierig, eine Covid-19-Infektion zurückzuverfolgen und Pflegebedürftige zu behandeln. Obdachlose leben in Umgebungen, die hygienische Probleme aufweisen und für Krankheitsübertragungen wie das SARS-CoV-2 förderlich sind. Welche Konsequenzen das haben kann, zeigt eine vom Boston Health Care for the Homeless Program (BHCHP) durchgeführte Studie in einem Obdachlosenheim. Dort wurden im Frühjahr 2020 nach der Identifizierung eines COVID-19-Clusters alle 408 erwachsenen BewohnerInnen einer Symptombeurteilung und einem SARS-CoV-2-PCR-Test unterzogen – Ablehnungen gab es keine. Das Ergebnis: 147 TeilnehmerInnen bzw. 36% der HeimbewohnerInnen wurden positiv auf das Coronavirus getestet, wobei der Großteil (88,5%) über keine Symptome berichtete. Das Durchschnittsalter der Untersuchten lag bei 51,6 Jahren, nahezu ¾ waren Männer, 1/3 waren Schwarze oder AfroamerikanerInnen. (vgl. Baggett et al. 2020, 2191-92) Zwar lässt diese Querschnittsstudie keinen induktiven Schluss auf das Geschehen in der ganzen USA zu, allerdings tragen die Zahlen die generell gesundheitsgefährdende Lebensrealität obdachloser Menschen zutage. Und weiters ist anzumerken: Verhängt eine Stadt einen Lockdown, so werden Notfallpläne für den Transport und Unterkünfte für Obdachlose zumeist hintangestellt. Außerdem wirkt es sich negativ auf den Zustand von Obdachlosen aus, wenn kommunale Einrichtungen mit hoher Dichte (z.B. Suppenküchen) geschlossen oder Obdachlosenunterkünfte zur Verlegung von COVID-19-PatientInnen umfunktioniert werden. (vgl. Tsai/Wilson 2020, 186)





Literaturverzeichnis:


Baggett, P. Travis; Hwang, W. Stephen; O'Connell; J. James; Porneala, C. Bianca; Stringfellow; J. Erin; Orav, E. John; Singer,

E. Daniel & Rigotti, A. Nancy (2013). Mortality Among Homeless Adults in Boston: Shifts in Causes of Death Over a 15-Year Period. JAMA Internal Medicine, 173(3), 189–195. doi:10.1001/jamainternmed.2013.1604.


Gray, Diane; Chau, Shirley; Huerta, Tim & Frankish, Jim (2011). Urban-Rural Migration and Health and Quality of Life in Homeless People. Journal of Social Distress and Homelessness, 20, 1-2, 75-93. doi:10.1179/105307811805365007.


Henry, Meghan; Watt, Rian; Mahathey, Anna; Ouellette, Jillian & Sitler, Aubrey (2020). The 2019 Annual Homeless Assessment Report (AHAR) to Congress. The U.S. Department of Housing and Urban Development. Office of Community Planning and Development, 1-98, abgerufen am 10.12.2020 von https://www.huduser.gov/portal/sites/default/files/pdf/2019-AHAR-Part-1.pdf.


Tsai, Jack; Gelberg, Lillian & Rosenheck, A. Robert (2019). Changes in Physical Health After Supported Housing: Results from the Collaborative Initiative to End Chronic Homelessness. Journal of General Internal Medicine, 34, 1703–1708. doi:10.1007/s11606-019-05070-y.


Tsai, Jack & Wilson, Michal (2020). COVID-19: a potential public health problem for homeless populations. The Lancet Public Health, 5(4), 186-187. doi:https://doi.org/10.1016/S2468-2667(20)30053-0

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